Geld - weniger ist mehr

Dieser Artikel wurde uns von Dr. Erika Riemer-Noltenius aus Bremen freundlicherweise zur Verfügung gestellt. Sie schreib ihn im September 2004 – er ist spannend und immer noch hochaktuell:       


Wo ist das liebe Geld geblieben?

Auf der Suche nach Gründen für den Sozialabbau, die Arbeitslosigkeit und die Wirtschaftskrise.

 

Motto dieses Artikels ist der Ausspruch von Albert Einstein:

„Probleme in dieser Welt sind nicht mit der gleichen Denkweise zu lösen, die sie verursacht haben.“

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Nichts bestimmt unser Leben so sehr wie das Geld.

 

Dennoch: Über nichts wird so wenig nachgedacht wie über die Entstehung, Funktionsweise und Auswirkungen des Geldsystems. Von wenigen Ausnahmen abgesehen sind wir alle davon überzeugt, daß Geld und Wirtschaft zusammengehören, daß unsere Geldordnung gerecht und vernünftig geregelt ist und sich auf sicheren, unabänderlichen Bahnen bewegt, so wie die Erde um die Sonne kreist.

In Wirklichkeit hat aber 98 Prozent des weltweit vorhandenen Geldvolumens nichts mehr mit der Wirtschaft zu tun. Nur 2 Prozent der Geldmenge reicht aus, um sämtliche Löhne und Rechnungen zu bezahlen, um alle lebensnotwendigen Güter zu produzieren, Investitionen zu tätigen und Dienstleistungen zu bezahlen. Die Masse der Geldmenge ist nichts weiter als reine Spekulation, die für das Wohlbefinden der Menschen so überflüssig ist wie ein Kropf.

Vom täglichen, weltweiten Umsatz der Finanztransaktionen in Höhe von 1000 Mrd. Euro , werden nur 5 Mrd. Euro für wirtschaftliche Aktivitäten benötigt. Das Geld hat sich verselbständigt, der Gedanke an Goethe´s Zauberlehrling drängt sich auf.

Geld hat mit Gesetzmäßigkeiten, die verständlich und damit kontrollierbar sind, überhaupt nichts zu tun. Geld beruht mehr auf psychologischen Faktoren als auf Mathematik. Geld ist eine menschliche Erfindung oder Vereinbarung, die allein auf dem Glauben basiert, daß es einen Wert hat und dieser Wert von allen anerkannt wird. Das Fundament jeder Währung ist das Vertrauen der Menschen. Wird dieses Vertrauen erschüttert, dann bricht das System zusammen wie ein Kartenhaus. Dafür gibt es in der Geschichte zahllose Beispiele.

Unsere heutige Geldordnung hat gravierende Konstruktionsfehler, die dafür verantwortlich sind, daß die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer, aber zahlreicher werden, daß die öffentlichen Kassen immer leerer und alle sozialen Errungenschaften der letzten Jahrzehnte wieder rückgängig gemacht werden müssen, wenn die Konstruktionsfehler nicht behoben werden.

Der erste Fehler liegt darin, daß das Geld zwei diametral entgegengesetzte Aufgaben erfüllen muß: Auf der einen Seite soll es dafür sorgen, daß die Wirtschaft lebt, sich entwickelt, Güter gehandelt und bezahlt werden, auf der anderen Seite dient es als Maßstab für Reichtum und Vermögen: Wer über viel Geld verfügt ist wohlhabend und kann Macht ausüben, Ziele, die viele für erstrebenswert halten. Im Wirtschaftskreislauf muß das Geld fließen wie Blut im Organismus oder wie Öl in einer Maschine. Im Volksmund heißt das: „Taler, Taler, du mußt wandern, von der einen Hand zur andern.“

Der Wunsch reich zu werden kann aber nur erfüllt werden, wenn Geld festgehalten und gehortet wird, sei es in Form von Goldbarren, Festgeld oder im Ausland, d.h. wenn es dem Wirtschaftskreislauf entzogen wird. Dieses Verhalten führt zu Blockaden und Staus, die die Wirtschaft empfindlich stören und zum Erliegen bringen können. Dieses Phänomen der Geldhortung und seiner schädlichen Auswirkung auf die Wirtschaft wird in der Öffentlichkeit nicht erkannt und deshalb auch nicht diskutiert.

Ein zweiter schwerwiegender Konstruktionsfehler unserer Geldordnung liegt im Zins- und Zineszinsmechanismus. Er ist dafür verantwortlich, daß Wohlhabende immer reicher und Bedürftige immer ärmer werden, daß immer mehr Konzentrationen und Polarisierungen stattfinden, daß kleinere Firmen von größeren geschluckt oder in die Schuldenfalle getrieben werden. Zinsen sind ein reiner Ausbeutungsmechanismus, der die Formulierung frei nach Clausewitz rechtfertigt: „Die kapitalistische Wirtschaft ist die Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln“. Die meisten Menschen glauben, daß sie nur dann Zinsen bezahlen, wenn sie einen Kredit aufnehmen. Sie wissen nicht, daß in jedem Preis ein Zinsanteil von 30 bis zu 85 Prozent enthalten ist. Nur etwa 10 Prozent der Bevölkerung profitiert vom Zinssystem, während 90 Prozent diesen 10 Prozent zu immer höherem Reichtum verhelfen. Von der täglichen gigantischen Umverteilung durch die in allen Preisen enthaltenen Zinsen macht sich die Öffentlchkeit keinen Begriff, denn sie weiß es einfach nicht.

Der schwerwiegendste Fehler des Geldsystem ist jedoch, daß der Staat seine Finanzhoheit freiwillig an die Banken abgetreten hat, selber Schuldner geworden ist und dadurch dazu beiträgt, daß die Umverteilung zugunsten der Vermögenden nicht angetastet wird. Die Schulden der öffentlichen Hand sind so groß, daß jeder 4. Euro aus dem Steueraufkommen für den Schuldendienst (Zinszahlungen) verwendet werden muß.

Es ist völlig ausgeschlossen, daß die öffentliche Hand ohne Änderung der Finanzordnung je wieder entschuldet werden kann.

Selbst wenn der Haushalt aufgrund rigoroser Sparmaßnahmen ausgeglichen werden könnte und die Staatsausgaben nicht höher als die Steuereinnahmen sind, würden die Schulden trotzdem immer weiter steigen wegen der Verpflichtung zur Zinszahlung. Seit mehr als 10 Jahren entspricht die Höhe der jährlichen Neuverschuldung in Deutschland  in etwa der Höhe der Zinszahlungen, d.h. der Schuldendienst wird mit neuen Schulden bezahlt. Mit der jährlichen Neuverschuldung wird also kein zusätzlicher Arbeitsplatz geschaffen, keine Investition getätigt, sonder nur die Schuldenspirale immer weiter in die Höhe geschraubt.

Daß dieses System eines Tages zusammenbrechen muß, wird eigentlich von niemandem mehr bezweifelt.

Die Zinszahlungsverpflichtung ist eine Antwort auf die Frage, warum die öffentlichen Kassen leer sind, warum die sozialen Errungenschaften abgebaut werden und warum kein Geld mehr für soziale, kulturelle und gesundheitliche Aufgaben mehr vorhanden ist. Eine andere Antwort ist die Tatsache, daß heute im Zeitalter der Globalisierung der Staat nicht mehr stark genug ist, von den international operierenden Konzernen Steuern zu kassieren. Je reicher, wohlhabender und mächtiger eine Firma ist, um so weniger trägt sie zum Steueraufkommen bei. Nur die normalen Angestellten können sich der Steuerzahlung nicht entziehen, denn die Lohnsteuer wird ihnen gar nicht erst ausbezahlt, sondern gleich einbehalten.

Aus dem Dilemma der Schuldenfalle und der Arbeitslosigkeit, in der sich alle Staaten der Welt befinden, gibt es nach Ansicht der verantwortlichen Politiker nur einen Ausweg: Mehr Wirtschaftswachstum.

Dabei gibt es bei uns aber gar keinen Mangel an Gütern oder Dienstleistungen. Eher das Gegenteil ist der Fall. Wir befinden uns in einer Situation der Marktsättigung und des Überflusses. Diese ist bei den Wirtschaftstheoretikern und Wissenschaftlern aber nicht vorgesehen. Noch immer wird Wirtschaft definiert als Beseitigung des Mangels und als Konsumbefriedigung. Aber wer soll denn noch mehr konsumieren, etwa einen Zeitwagen anschaffen oder noch einen Kühlschrank? Das ist doch absurd und vor allem umweltschädlich.

In den letzten Jahren ist die Produktivität der Wirtschaft enorm gestiegen und sie wird weiter steigen, obwohl immer weniger Menschen daran beteiligt sind. Deutschland wäre längst an seiner übermäßigen Güterproduktion erstickt, wenn es nicht das Ventil des Exports gäbe. Darin sind wir Deutschen ja bekanntlich Weltmeister. Trotzdem wird immer wieder behauptet, die Arbeitskräfte seien in Deutschland zu teuer; für den Standort Deutschland als attraktives Land für ausländische Investoren müßten die Tariflöhne gesenkt und die sozialen Errungenschaften abgebaut werden. Dieser Widerspruch wird von niemandem thematisiert, warum eigentlich nicht?

In den vergangenen 10 Jahren (von 1991 bis 2001) ist das Bruttoinlandsprodukt um 37 % gestiegen, die Nettolöhne und –gehälter aber nur um 23 %, die Einkommen aus Unternehmen um 31 %, die Steuereinnamen des Staates um 42 %, die Bankzinserträge aber um 89 % und die Geldvermögen um 99 %. Der Zins- und Zinseszinsmechanismus unserer Geldordnung ist die wahre Ursache dafür, daß sich das Geld exponentiell vermehrt und zum permanenten Wirtschaftswachstum zwingt, weil es immer neue gewinnträchtige Investitionen sucht, und sei es im Ausland, wenn dort die Rendite höher ist als im Inland. Mit einer Geldordnung ohne den Zins könnte die Wirtschaft auf einem stabilen hohen Niveau bleiben und würde nur wachsen, wenn die Bevölkerung zunimmt.

Die Annahme, daß die Arbeitslosigkeit durch mehr Wirtschaftswachstum verringert werden könnte, hat sich längst als Illusion erwiesen, denn seit vielen Jahren werden mehr Arbeitsplätze wegrationalisiert als neue geschaffen, bei trotzdem steigender Produktivität der Wirtschaft. Deshalb ist es völlig verfehlt, eine Verlängerung der Arbeitszeit einzuführen und die Langzeitarbeitslosen einer Art Zwangsarbeit zu unterwerfen.

Schon vor über 25 Jahren erklärte der große Mann der katholischen Soziallehre, Oswald von Nell-Bräuning, daß zwei Stunden Arbeit pro Tag aller arbeitsfähigen Menschen völlig ausreichen würden, um die lebensnotwendigen Bedürfnisse des Volkes zu befriedigen.

Die Technisierung und Automatisierung hat die menschliche Arbeitskraft weitgehend überflüssig gemacht. Und das ist ein großer Fortschritt auf den wir stolz sein sollten. Warum sollen Menschen Tätigkeiten verrichten, die Maschinen viel besser und zuverlässiger erledigen können? Wurde der technische Fortschritt nicht immer damit begründet, den Menschen vom Joch der (Erwerbs) Arbeit zu befreien? Jetzt, wo dieser Zustand weitgehend erreicht ist, jammern alle den verloren gegangenen Arbeitsplätzen nach.

Wenn wir ehrlich sind geht es gar nicht um die Schaffung neuer (überflüssiger) Arbeitsplätze, sondern um eine Einkommenssicherung für alle Menschen. Deshalb muß neu definiert werden, wodurch Einkommen begründet wird. Erwerbsarbeit kann es allein nicht mehr sein, denn sie wird mehr und mehr zum Privileg einer Minderheit.

In einer Zeit der Marktsättigung und des Überflusses wirken Sätze wie: „Im Schweiße Deines Angesichts sollst Du Dein Brot verdienen“ merkwürdig anachronistisch, denn jedermann weiß, daß die großen Vermögen entweder geerbt oder durch Spekulationen gemacht werden. Mit „ehrlicher“ Arbeit hat das nichts zu tun. Weder sind die Millionengehälter der Manager oder Fußballer gerechtfertigt, noch die Arbeit zum Nulltarif vieler Frauen im Erziehungs,- Pflege- und Familienbereich. Es ist ein Mythos zu glauben, Leistung rechtfertige eine bestimmte Einkommenshöhe, denn keine Arbeit ist für die Menschheit so wichtig und gleichzeitig so unterbewertet wie die Betreuung von Kindern und Kranken.

Der Satz: „Leistung muß sich lohnen“ ist eine Verhöhnung der Leistung von Frauen.

Im Grunde genommen gibt es überhaupt keine Arbeitslosigkeit, denn wo immer Menschen hilfsbedürftig sind, da gibt es Arbeit. Jede Gesellschaft besteht aus Menschen, die arbeitsfähig sind und solchen, die es nicht sind. Alle Menschen brauchen ein Einkommen, um leben zu können. Das hat nichts mit Gleichmacherei zu tun, sondern ist ein Faktum Deshalb müßte es eine Selbstverständlichkeit sein, daß alle, ob Säugling oder Greis, ob Mann oder Frau, eine ausreichende Grundsicherung monatlich auf ein Girokonto überwiesen bekommen, so wie es heute bereits alle Beamten und Rentnerinnen kennen. Dies ist keine Utopie, sondern durchaus machbar, wenn man weiß, daß Geld nur eine Vereinbarung von Menschen ist und aus dem Nichts geschaffen wird.

Die jetzige Geldordnung müßte grundlegend geändert werden dahingehend, daß die Finanzhoheit wieder dem Staat übertragen wird, der Zins und Zinseszinsmechanismus abgeschafft und durch eine Nutzungsgebühr ersetzt wird. Statt daß die Geldbesitzer immer noch mehr Geld (Zinsen) bekommen, wenn sie es nicht ausgeben, sondern zur Bank bringen, muß umgekehrt in Zukunft ein Negativzins erhoben, wenn Geld dem Wirtschaftskreislauf entzogen wird. Vorschläge über eine entsprechende Geldreform gibt  es seit vielen Jahrzehnten, z.B. von Silvio Gesell oder Rudolf Steiner, aber diese Ideen werden totgeschwiegen.

Da es den Deutschen nicht möglich sein wird, die jetzige europäische Geldordnung zu ändern, bietet sich der Weg der regionalen Komplementärwährungen an, um ein neues Geldsystem auszuprobieren, in dem es keinen Zinsmechanismus gibt. Der Bremer ROLAND (eine regionale Währung in Bremen, ähnliche Währungen gibt es auch in anderen Regionen, stefanie berg) ist ein erstes Experiment, das die regionale Wirtschaft stärken soll, weil er nur in Bremen und näherer Umgebung Geltung besitzt. Wie jede Währung wird auch der ROLAND seinen Wert durch das Vertrauen derjenigen bekommen, die an ihn glauben.

Die Menschen sind zwar in der Lage auf den Mond zu fliegen und den Weltraum zu erobern, aber bislang waren sie nicht intelligent genug, Armut und Analphabetismus zu überwinden und ein Gesundheitssystem aufzubauen, das nicht nur den Wohlhabenden zugute kommt. Mit einer reformierten Geldordnung wäre dies kein Problem. Deshalb sollten wir all unsere Intelligenz und Energien auf die Einführung regionaler Komplementärwährungen setzen.

 

Literaturhinweise:

1. Margrit Kennedy:              „Geld ohne Zinsen und Inflation“

2. Helmuth Creutz:                „Das Geld-Syndrom“

3. Heiko Kastner:                   „ Mythos Marktwirtschaft“

4. Bernard Lietaer:                 „Die Zukunft des Geldes

5. Bernard Lietaer:                 „Mysterium Geld“

6. M. Kennedy, B. Lietaer:    „Regionalwährungen“

7. A. Gahrmann, H. Osmers. „Zukunft kann man nicht kaufen“.